Sie riss die Augen auf und ihre Pupillen glühten wie heiße Stecknadelspitzen. Ihre Zunge umschmeichelte die vollen, vom Schlaf ausgetrockneten Lippen und sie bleckte die spitzen Fangzähne. In
ihren Adern tobte das fiebrige Verlangen nach Unschuld und Leben. Sie stöhnte leise.
Etwas kommt, fuhr es ihr durch den Kopf und ein Schauer jagte durch ihren Körper. Der irre Geist, der schon sehr lange in ihrem Verstand hauste, kroch aus seinem fauligen Loch und
kicherte.
Es kommt zu dir, Valerie. Hörst du es? Ticke-Ti-Tack. Dein Schicksal kommt, hatte dich vergessen und holt dich endlich! Kein Verstecken mehr, du kriegst nun das, was du verdienst und in
deinem Lohnbeutel steckt ein Galgenstrick, tick tick. Ticketitack. Tick und Tack. Galgenstrick und Henkersack…
Aber da war keine Uhr, die ihr das letzte Stündlein anschlug. Aus der Ferne drangen hallende, rhythmische Schläge an ihr Ohr. Ein stumpfes Trommeln, welches ihrem Kopf pochende Schmerzen
bereitete. Ihre Augen zuckten wild umher.
Was war das nur?
Etwas Fremdes war in die kleine Gruft eingedrungen und sie spürte dieselbe seltsame Erregung wie auf der Blutjagd, kurz bevor sie ihre Beute fing. Sie schloss ihre Augen und konzentrierte sich.
Die unheimlichen Schläge näherten sich im Takt und wirkten auf sie so bedrohlich, wie ein heraufziehendes Unwetter. Ihr sonst so ruhiger Atem glich sich dem Rhythmus der Schläge an. Ihre
tierhaften Sinne tasteten nach dem Ursprung.
Die Aura einer weit gereisten Seele. Ein Wanderer, der sich auf einen alten, knorrigen Stab stützt. Seine Gehhilfe, der Grund für die Schläge…
Vor ihrem inneren Auge sah er fast echt aus. Er wirkte zwar fremd, aber dennoch seltsam vertraut. Seine Aura kam ihr bekannt vor. Schwefelig, alt und verrottet – aber gleichzeitig stolz, erhaben
und strahlend. Vampiri ahnte: Es war nicht einfach ein Wesen, das zu ihr kam. Es war ein Ort, fern und fast vergessen. Und es war kein Freundschaftsbesuch. Er kam, um sie, nachdem sie lange genug
in der Räucherkammer gehangen hatte, abzuhängen und bösen Geistern zu servieren.
Gift und Galle!
Hier kam ein altes Monster, das geduldig den Tod der Menschenwelt in ihr hatte reifen lassen und den saftig geschwächten Wurm endlich picken und gierig verschlingen wollte. Zorn flammte in ihr
auf; brannte bis in ihre Zehen und Fingerspitzen. Waren hundert einsame Jahre nicht genug, um sich von allen Sünden reinzuwaschen? Hatte sie hier nicht ihre Absolution bekommen? Hier in der
sterbenden Welt?
Nein, nein … nein, nein, hallten die Schläge des Wanderstabs in ihrem Geist. Deine Freiheit war eine Illusion. Auch wenn Du vergessen hattest. Wir! Niemals!
Ein fast vergessenes Wort flammte in ihrem Verstand auf und der irre Geist verkroch sich bei dem Anblick wimmernd in seine Gedankenhöhle.
Krell!
…Die Schattenstadt des Teufels…
Ruckartig richtete sie sich im Sarg auf und ihr Kopf wandte sich in einer scharfen Bewegung zum Eingang ihrer Katakombe. Dort würde der der Besucher aus Krell gleich auftauchen. In ihrem Inneren
kämpften Wut und Angst um die Vorherrschaft. Ihre Haut begann zu prickeln. Der unheilige Lebensfunke schoss durch ihre Adern. Sie beruhigte sich langsam. Die Angst wich zurück, die Wut
triumphierte.
Sollen sie nur alle kommen – alte Geister, neue Geister – sie werden sich wundern. Ich bin nicht mehr die, die ich einmal war, bin nun vergiftet. Die großes Lebensuhr schlägt auf ein letztes
Stündchen zu, doch es soll nicht meines sein.
Sie wartete und ihre spitzen Finger klopften im Takt auf den hölzernen Sargrahmen. Tick tack, tick tack.